Kategorie: Journal

Neuigkeiten, Hinweise und Entwicklungen rund um den Blog und kommende Projekte: kurze Updates, Veröffentlichungen, Ausstellungen und Hintergrundinfos.
Hierher gehören Beiträge zum Blog selbst und zu aktuellen Ankündigungen.

  • Zwischen Hafen und Brache – Spuren einer Industriegeschichte in Köln-Mülheim

    Zwischen Hafen und Brache – Spuren einer Industriegeschichte in Köln-Mülheim

    In meiner Projektreihe „Structures in Transition“ betrachte ich Wandel, wie er uns in Städten, Industrien, in der Natur oder auch im sozialen Leben begegnen kann.

    Kern der Reihe sind kleine Fotosessions ebenso wie längere Projektreisen. Manchmal reicht dafür schon ein Ort in der näheren Umgebung. So hat es mich diesmal gerade eine halbe Stunde von meinem Wohnort entfernt nach Köln in den Stadtteil Mülheim gezogen, genauer gesagt in die Gegend am und um den Mülheimer Hafen. Hier befindet sich ein altes, abgesperrtes und nicht öffentlich zugängliches ehemaliges Fabrikgelände. Es ist in Richtung des Hafens umgeben von hohen Mauern und Absperrungen, die aber dennoch eindrucksvolle Einblicke in seine sich langsam aber stetig zurückziehende Grundsubstanz gewähren.

    Ein Blick auf die freigelegte Struktur des ehemaligen Hallenkomplexes.

    Hier wird die Veränderung über viele Jahre sichtbar. Man könnte es auch Verfall nennen – oder Entwicklung hin zu etwas neuem. Aber das habe ich erst später herausgefunden.

    Was sehe ich eigentlich?

    Geborstene Scheiben und zerfallende Fassaden gewähren bisweilen Einblick in die innere Struktur des alten Gebäudekomplexes. Es gibt viele gebrochene Linien. Asymmetrie zeigt sich dominant an vielen Stellen. Und auch die Natur holt sich hier etwas zurück. Immer wieder sieht man zum Beispiel kleine Gebüsche an den Backsteinmauern wachsen. Offenbar bieten sie für die Pflanzen genug Struktur zum Festhalten.

    Natur und Industrie teilen sich denselben Raum.

    Hier und da offenbart sich ein Hallenskelett, dessen Ausmaß und Zustand von außen nur bedingt erkennbar ist. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, sich das Gebäude von innen auszumalen. Ich stelle mir viel geborstenes Glas am Boden vor. Daneben Fragmente eingestürzter Deckenteile und von Rost befallene Stahlträger. Vermutlich keine alten Maschinen mehr. Vielleicht auch Hinterlassenschaften des einstigen Maschinenparks. Alte Gerüste, Halterungen, Standflächen. Letztlich blieb es für mich an diesem Tag spekulativ.

    Fragmente eines Ortes, der sich nur teilweise zeigt.

    Gefragt habe ich mich natürlich auch, ob man das Gelände vielleicht geführt betreten darf. Vermutlich ist das nicht möglich. Es dürfte hier und da baufällig sein und die Gefahren, die davon ausgehen, sind sicherlich zu groß. Aber auch das weiß ich nicht wirklich. Wie gesagt, es geht hier viel um Phantasie und Vorstellungskraft.

    Der Ort ist unter anderem deswegen spannend, weil er sichtbar und gleichzeitig verborgen ist. Es gibt genug zu sehen, um neugierig zu werden. Aber man kann nie genug sehen, um alles erfassen zu können.

    Der Blick reicht hinein – aber nie bis zum Ende.

    Ich habe hier fotografiert, ohne den Ort eigentlich zu kennen. Zwar bin ich nicht zum ersten Mal hier gewesen. Aber welche Geschichte dahinter steckt, wusste ich nicht. Wie ich erst im Nachhinein herausgefunden habe, handelt es sich dabei um die ehemalige Gasmotorenfabrik Deutz in Köln-Mülheim. Sie wurde 1864 gegründet. Die Hallenkomplexe entstanden ab 1867 und waren in ihrer Geschichte vielerlei Änderungen unterzogen.

    Interessant war für mich aber gar nicht so sehr die Historie dieses Ortes, sondern das, was davon heute noch sichtbar ist. Was dieser Ort preisgibt. Aktuell laufen Planungen zu einer künftigen neuen Nutzung des Geländes und noch erhaltenen Gebäuden. Wer also hier auch einmal fotografieren möchte, sollte nicht unbedingt allzu lange damit warten. Falls ihr mehr wissen wollt, findet ihr hier auf Wikipedia diese und einige weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Gasmotorenfabrik_Deutz

    Abseits des Schönen

    Aber was fasziniert eigentlich an derartigen Plätzen, die für viele keine Postkartenmotive sind und daher nicht zu Bildern führen, die man allgemein als „schön“ bezeichnen würde. Das lässt sich gar nicht so leicht beantworten. Viele hegen eine Begeisterung für solche und andere Lost Places. Ich persönlich finde komplexe Strukturen spannend, egal ob natürlicher Art oder von Menschen geschaffen.

    Verfall, Aneignung und Veränderung hinter derselben Mauer.

    Sich in Verfall befindliche Industriekomplexe sind besonders dankbar. Sie sind wie Suchbilder, überall gibt es etwas Neues zu entdecken. Brechende Linien, Kontraste, jeder Bildbereich ist anders. Symmetrien und Asymmetrien sind gleichermaßen da und gleichzeitig werden sie gebrochen. Es gibt immer etwas zu entdecken. Ich glaube es ist ein wenig das Chaos, das ich spannend finde. Das Ungewöhnliche, auch in einem ansonsten oftmals sehr geregeltem Alltag.

    Zwischen Kontext und Detail

    Fotografisch habe ich mich hier zwischen eher weitwinkligen Kontextbildern auf der einen Seite sowie verdichtenden Zoom-Aufnahmen mit längeren Brennweiten auf der anderen Seite bewegt.

    Während die Kontextaufnahmen eher dem Verständnis der Szenerie insgesamt dienen, ohne den Betrachter konkret zu lenken, geben die Zoom-Aufnahmen Führung, sie stellen das gewisse Etwas heraus, auf das sich der Betrachter konzentrieren soll. Sie zeigen das, was dem Fotografen wichtig ist.

    Gerade mit der langen Brennweite hätte ich hier noch deutlich länger weiterarbeiten können und es wäre vermutlich nicht langweilig geworden. Es gibt unzählige Kleinigkeiten, die sich für ein verdichtetes Bild lohnen. Auch wenn man nur einen Teil des ganzen Gebäudes einsehen kann.