Autor: André (ShutterOnStreet)

  • Zwischen Hafen und Brache – Spuren einer Industriegeschichte in Köln-Mülheim

    Zwischen Hafen und Brache – Spuren einer Industriegeschichte in Köln-Mülheim

    In meiner Projektreihe „Structures in Transition“ betrachte ich Wandel, wie er uns in Städten, Industrien, in der Natur oder auch im sozialen Leben begegnen kann.

    Kern der Reihe sind kleine Fotosessions ebenso wie längere Projektreisen. Manchmal reicht dafür schon ein Ort in der näheren Umgebung. So hat es mich diesmal gerade eine halbe Stunde von meinem Wohnort entfernt nach Köln in den Stadtteil Mülheim gezogen, genauer gesagt in die Gegend am und um den Mülheimer Hafen. Hier befindet sich ein altes, abgesperrtes und nicht öffentlich zugängliches ehemaliges Fabrikgelände. Es ist in Richtung des Hafens umgeben von hohen Mauern und Absperrungen, die aber dennoch eindrucksvolle Einblicke in seine sich langsam aber stetig zurückziehende Grundsubstanz gewähren.

    Ein Blick auf die freigelegte Struktur des ehemaligen Hallenkomplexes.

    Hier wird die Veränderung über viele Jahre sichtbar. Man könnte es auch Verfall nennen – oder Entwicklung hin zu etwas neuem. Aber das habe ich erst später herausgefunden.

    Was sehe ich eigentlich?

    Geborstene Scheiben und zerfallende Fassaden gewähren bisweilen Einblick in die innere Struktur des alten Gebäudekomplexes. Es gibt viele gebrochene Linien. Asymmetrie zeigt sich dominant an vielen Stellen. Und auch die Natur holt sich hier etwas zurück. Immer wieder sieht man zum Beispiel kleine Gebüsche an den Backsteinmauern wachsen. Offenbar bieten sie für die Pflanzen genug Struktur zum Festhalten.

    Natur und Industrie teilen sich denselben Raum.

    Hier und da offenbart sich ein Hallenskelett, dessen Ausmaß und Zustand von außen nur bedingt erkennbar ist. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, sich das Gebäude von innen auszumalen. Ich stelle mir viel geborstenes Glas am Boden vor. Daneben Fragmente eingestürzter Deckenteile und von Rost befallene Stahlträger. Vermutlich keine alten Maschinen mehr. Vielleicht auch Hinterlassenschaften des einstigen Maschinenparks. Alte Gerüste, Halterungen, Standflächen. Letztlich blieb es für mich an diesem Tag spekulativ.

    Fragmente eines Ortes, der sich nur teilweise zeigt.

    Gefragt habe ich mich natürlich auch, ob man das Gelände vielleicht geführt betreten darf. Vermutlich ist das nicht möglich. Es dürfte hier und da baufällig sein und die Gefahren, die davon ausgehen, sind sicherlich zu groß. Aber auch das weiß ich nicht wirklich. Wie gesagt, es geht hier viel um Phantasie und Vorstellungskraft.

    Der Ort ist unter anderem deswegen spannend, weil er sichtbar und gleichzeitig verborgen ist. Es gibt genug zu sehen, um neugierig zu werden. Aber man kann nie genug sehen, um alles erfassen zu können.

    Der Blick reicht hinein – aber nie bis zum Ende.

    Ich habe hier fotografiert, ohne den Ort eigentlich zu kennen. Zwar bin ich nicht zum ersten Mal hier gewesen. Aber welche Geschichte dahinter steckt, wusste ich nicht. Wie ich erst im Nachhinein herausgefunden habe, handelt es sich dabei um die ehemalige Gasmotorenfabrik Deutz in Köln-Mülheim. Sie wurde 1864 gegründet. Die Hallenkomplexe entstanden ab 1867 und waren in ihrer Geschichte vielerlei Änderungen unterzogen.

    Interessant war für mich aber gar nicht so sehr die Historie dieses Ortes, sondern das, was davon heute noch sichtbar ist. Was dieser Ort preisgibt. Aktuell laufen Planungen zu einer künftigen neuen Nutzung des Geländes und noch erhaltenen Gebäuden. Wer also hier auch einmal fotografieren möchte, sollte nicht unbedingt allzu lange damit warten. Falls ihr mehr wissen wollt, findet ihr hier auf Wikipedia diese und einige weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Gasmotorenfabrik_Deutz

    Abseits des Schönen

    Aber was fasziniert eigentlich an derartigen Plätzen, die für viele keine Postkartenmotive sind und daher nicht zu Bildern führen, die man allgemein als „schön“ bezeichnen würde. Das lässt sich gar nicht so leicht beantworten. Viele hegen eine Begeisterung für solche und andere Lost Places. Ich persönlich finde komplexe Strukturen spannend, egal ob natürlicher Art oder von Menschen geschaffen.

    Verfall, Aneignung und Veränderung hinter derselben Mauer.

    Sich in Verfall befindliche Industriekomplexe sind besonders dankbar. Sie sind wie Suchbilder, überall gibt es etwas Neues zu entdecken. Brechende Linien, Kontraste, jeder Bildbereich ist anders. Symmetrien und Asymmetrien sind gleichermaßen da und gleichzeitig werden sie gebrochen. Es gibt immer etwas zu entdecken. Ich glaube es ist ein wenig das Chaos, das ich spannend finde. Das Ungewöhnliche, auch in einem ansonsten oftmals sehr geregeltem Alltag.

    Zwischen Kontext und Detail

    Fotografisch habe ich mich hier zwischen eher weitwinkligen Kontextbildern auf der einen Seite sowie verdichtenden Zoom-Aufnahmen mit längeren Brennweiten auf der anderen Seite bewegt.

    Während die Kontextaufnahmen eher dem Verständnis der Szenerie insgesamt dienen, ohne den Betrachter konkret zu lenken, geben die Zoom-Aufnahmen Führung, sie stellen das gewisse Etwas heraus, auf das sich der Betrachter konzentrieren soll. Sie zeigen das, was dem Fotografen wichtig ist.

    Gerade mit der langen Brennweite hätte ich hier noch deutlich länger weiterarbeiten können und es wäre vermutlich nicht langweilig geworden. Es gibt unzählige Kleinigkeiten, die sich für ein verdichtetes Bild lohnen. Auch wenn man nur einen Teil des ganzen Gebäudes einsehen kann.

  • Zwischen den Bildern

    Zwischen den Bildern

    Ein persönlicher Auftakt über Street, Landschaft und das bewusste Sehen – über Bilder, die zwischen Alltag, Reise und Erinnerung entstehen.

    Vom Festhalten zum Fotografieren

    Vor fast sechs Jahren habe ich mir meine erste „echte“ Kamera gekauft – Anfang 2020, zu Beginn der Corona-Pandemie. Rückblickend ist es gar nicht so leicht zu sagen, warum ich das damals unbedingt wollte.

    Seit unser erstes Kind zur Welt kam, habe ich fast alles fotografiert, was meine Familie betrifft. Erst mit einer digitalen Kompaktkamera, später mit einer Videokamera und schließlich nur noch mit dem Smartphone. Der Anspruch, mit Bildern Geschichten zu erzählen und etwas bewusst zu dokumentieren, war damals nicht da. Ich wollte vor allem Erinnerungen festhalten – für mich, für meine Familie. Momente sichern, bevor sie leiser werden und die Erinnerungen verblassen. Emotional wertvolle Schnappschüsse aus unserem Leben.

    Diese alte Bilderbibliothek ist bis heute wie ein Film aus meinem Leben. Mit vielen schönen Szenen – und auch ein paar anderen. Dinge, die zum Leben gehören. Viele spontane Fotos entstanden damals – und entstehen bis heute – mit dem Smartphone. Wie sagt man so schön: Die beste Kamera ist die, die man dabeihat.

    Einen einzigen Moment, der die Entscheidung für eine Systemkamera (mit Wechselobjektiven) ausgelöst hat, gab es nicht. Aber es gibt ein Foto, das mir bis heute im Kopf geblieben ist. Kurz nach der Geburt unserer ersten Tochter war ein Freund bei uns zu Besuch. Er fotografierte damals schon ambitioniert und hatte seine Spiegelreflexkamera dabei. Er machte ein Foto unserer Tochter in der Wiege – ohne Blitz, warmes Licht, unaufgeregt, technisch sauber. Es war einfach gut. Richtig gut. Ich sehe es heute noch vor mir.

    Dieses Foto war sicher nicht der einzige Grund, warum mein Interesse an Fotografie über die Jahre gewachsen ist. Aber es hat etwas angestoßen.

    Anfang 2020 habe ich mich dann mehr mit Kameras beschäftigt: Welche passt zu mir? Welche passt ins Budget? Ist das jetzt nur eine Phase – wie so oft, wenn man sich in ein Thema „kurz“ verbeißt? Diesmal war es anders. Auch weil meine Frau mich bestärkte. Und dann standen wir in einem Fotoladen in Köln, ließen uns noch einmal beraten – und ich kaufte die Kamera.

    Damals wusste ich nicht, welche Rolle die Fotografie später in meinem Leben spielen würde.

    Ich lebe nicht von der Fotografie. Ich fotografiere aus Leidenschaft, nicht beruflich. Hauptberuflich arbeite ich als Manager in einer Unternehmensberatung. Und wenn man Vollzeit arbeitet und den Stift nicht um fünf einfach fallen lässt, dann ist Fotografieren unter der Woche selten Alltag. Dazu kommen Familie, Verpflichtungen – und manchmal schlicht Erschöpfung. Oft ist es ein Kampf gegen den inneren Schweinehund. Aber eben kein aussichtsloser.

    Weniger Analyse, mehr Wahrnehmung

    Im Beruf dreht sich vieles um Konzepte, Strukturen und komplexe Prozesse. Fotografie ist für mich das Gegenstück dazu: entschleunigen, hinschauen, entdecken. Weniger Analyse – mehr Wahrnehmung.

    Mit der Kamera in der Hand verändert sich mein Rhythmus. Ich halte inne. Ich sehe genauer. Ich bin stärker im Moment. Das Fotografieren holt mich raus aus dem Autopiloten – und manchmal ist genau das der eigentliche Gewinn. Es geht nicht nur um das Bild. Ich freue mich natürlich über schöne Bilder. Aber es geht mir vor allen Dingen um den Prozess. Das ist es, was durch den Fokus auf etwas anderes abschalten lässt.

    Was mich visuell reizt

    Ich fotografiere gern Landschaft und Street – und ich mag den Ablauf: Szene finden, warten, entscheiden, auslösen. Am liebsten direkt aus der Kamera – SOOC, „straight out of camera“. Nachbearbeitung gehört dazu, aber für mich ist sie eher Mittel als eigener Selbstzweck.

    Besonders faszinieren mich Orte, an denen Zeit und Wandel sichtbar bleiben: Stadtränder, Häfen, Übergänge zwischen Funktion und Stillstand. Mich interessiert nicht nur das „perfekte“ Motiv, sondern das, was ein Ort erzählt: Spuren, Atmosphäre, Zeichen von Veränderung. Situationen, in denen Stimmung mehr sagt als Oberfläche.

    Ich mag große Strukturen genauso wie Details. Und ich liebe Landschaften – besonders im Norden. Dazu kommen Menschen und Momente, wie sie sich in der Street Photography zeigen: flüchtig, echt, manchmal unspektakulär – und gerade deshalb stark.

    Warum dieser Blog entsteht

    Dieser Blog ist mein persönlicher Raum, in dem ich Gedanken und Erfahrungen rund ums Fotografieren als Amateur teile. Ich möchte über Reisen schreiben, zum Beispiel über meine Norwegen-Roadtrips, über Projekte wie „Structures in Transition“ und über Routinen und Entscheidungen, die meinen fotografischen Weg prägen.

    Er ist auch eine Ergänzung zu meiner Portfolio-Seite: Dort stehen die Bilder im Mittelpunkt. Hier geht es um das Dazwischen – um Orte, Entscheidungen, Zweifel, kleine Learnings. Technik und Perfektion sollen zumindest nicht dominieren, sondern bewusstes Sehen, Innehalten und das Entdecken im scheinbar Alltäglichen.

    Wenn dich die Faszination für Orte, Wandel und stilles Beobachten ebenso bewegt, findest du dich hier vielleicht wieder.